

Das Kulturzentrum KULTURFABRIK ist in den Gebäuden eines früheren Schlachthauses in Esch-sur-Alzette, im Süden des Großherzogtums Luxemburg, untergebracht. Die Gebäude sind sowohl Zeugen der Architektur des auslaufenden 19. Jahrhunderts, als auch der zwischen den beiden Weltkriegen geläufigen industriellen Architektur.
Nach der Schließung des Schlachthauses im Jahre 1979 wird der Gefrierraum der Schlachterei von einigen jungen Schauspielern besetzt. Gemeinsam mit anderen Künstlern nimmt die Gruppe im Laufe der Jahre Besitz vom Großteil der Gebäude und funktioniert sie in ein Kulturzentrum um.
Trotz der Proteste der lokalen Metzgermeister beschließt der Gemeinderat der Stadt Esch-sur-Alzette im Juni 1885 den Bau einer öffentlichen Schlachterei. Der Komplex wird ab 1886 außerhalb des Stadtzentrums in der Luxemburger Straße errichtet, und besteht zunächst aus fünf Gebäuden, die je nach Nutzung verschieden groß und unterschiedlich konzipiert sind.
Ab 1900, bedingt durch den spektakulären Aufschwung der Stahlproduktion, entwickelt sich die Stadt Esch in großem Tempo, so daß sich die Modernisierung der Schlachterei aufdrängt. Zwischen 1912 und 1939 werden diverse Vergrößerungs- und Umbauarbeiten (Salzen des Leders, Abfallverarbeitung, Kontrollaboratorium, usw) durchgeführt. Das Schlachthaus zählt schließlich zehn Gebäude, mit einer Gesamtnutzfläche von - 4.000 m2. Ab 1934 werden im Innern des Schlachthauses regelmäßig öffentliche Märkte abgehalten.
Die Schlachterei wird geschlossen.
Der Gefrierraum der Schlachterei wird von einem Sekundarlehrer und seinen Schülern für die Aufführung eines Theaterstückes benutzt.
Die jungen Schauspieler der "Theater GmbH" besetzen den Gefrierraum und funktionieren ihn zum Theatersaal um. Später stoßen die Künstler der "Galerie Terre Rouge (Galerie Rote Erde e.V.) zur Gruppe hinzu. Eine Kunstgalerie wird eröffnet, die jungen Künstlern die Möglichkeit gibt, einem breiteren Publikum ihre Werke vorzustellen.
Die jungen Schauspieler und Künstler möchten die spezifische Architektur des Schlachthauses und die zumindest ungewöhnliche Einrichtung der Gebäude nutzen, um ihre Vorstellungen und Ideen von einer demokratischen, originellen, dynamischen und kreativen Kultur zu verwirklichen. Im Gegensatz zu den offiziellen Kulturtempeln ist der frühere Schlachthof für sie der ideale Treff- und Aktionspunkt, der zudem den nötigen Platz und Freiraum für Kreativität, Inspiration und Aktion bietet.
Weitere Künstler, Schauspieler und Musiker schließen sich der Gruppe an, die inzwischen die Hälfte der Gebäude benutzt. Um die Interessen der Besetzer zu verteidigen, wird im gleichen Jahr die Gesellschaft ohne Gewinnzweck KULTURFABRIK asbl (e.V.) gegründet. Sie stellt sich unter das Motto: Aktions-Freiheit heißt Kreativität.
In monatelanger harter Arbeit verpassen die Mitglieder der KULTURFABRIK dem alten Schlachthaus ein neues Gesicht: die Mauern werden neu gestrichen, ein Konzert- und Theatersaal, Übungsräume und Künstlerateliers werden eingerichtet. Die "Kulturfabrikler" achten bei diesen Arbeiten besonders darauf, daß die ursprüngliche Architektur und Einrichtung des Ortes erhalten bleiben.
Während 14 Jahren bietet die KULTURFABRIK ein reichhaltiges Musik und Theaterprogramm. Die Gruppe produziert mehrere luxemburgische Erstinszenierungen, organisiert zahlreiche Ausstellungen und Kinofestivals und zeichnet regelmäßig für soziokulturelle Projekte verantwortlich.
werden alljährlich die Internationalen Sommerkurse abgehalten. Zwischen 1985 und 1995 belegen mehrere hundert Schüler Workshops in Skulptur, Theater, Tanz, Malerei, Photographie, Video, Musik, Perkussion, Kinderzirkus ...
Während all dieser Jahre stellt die KULTURFABRIK jungen Schauspielern, Musikern und Künstlern Übungsräume und Ateliers zur Verfügung. Es ist nicht verwunderlich, daß so manche künstlerische Karriere ihren Anfang im "alten Escher Schlachthaus" gefunden hat.
Obwohl die Kulturfabrik eine wichtige Rolle im luxemburgischen Kulturleben spielt, sieht sie sich mehrere Male gezwungen, ihr "feindlich gesinnten" Projekten energisch entgegenzutreten. U.a. möchte die Gemeinde Esch, immerhin Eigentümerin der Gebäude, das alte Schlachthaus einer kommerziellen Verwendung zuführen. Dank der aktiven Solidarität zahlreicher Künstler und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, dank auch so mancher origineller und spektakulärer Aktion - wie etwa der Blockade der wichtigsten Zufahrtsstraße ins Stadtzentrum, der Besetzung des Stadttheaters, Kundgebungen im Stadthaus oder vor dem Staatsministerium bewahrt sich die KULTURFABRIK ihren Platz und die Früchte ihrer Arbeit.
Die verantwortlichen Gremien von Staat und Gemeinde tragen der Rolle und Wichtigkeit des Kulturzentrums und der asbl KULTURFABRIK offiziell Rechnung. Die Resultate einer vom luxemburgischen Staat und der Gemeinde Esch in Auftrag gegebenen Studie bestätigen, daß die Vorschläge der KULTURFABRIK, das Kulturzentrum autonom zu verwalten, ernsthaft und wirtschaftlich durchführbar sind.
Auf Grund dieser Studie, und angesichts des schlechten Zustandes der Gebäude, erklärt sich der luxemburgische Wirtschaftsminister bereit, das Renovierungsprojekt des alten Schlachthauses in eine Finanzierungsanfrage an das FEDER (Europäischer Hilfsfonds zur Regionalen Entwicklung) aufzunehmen (*). Durch die Renovierung würde ein Denkmal städtischer Architektur erhalten bleiben und durch die definitive Umwandlung in ein überregionales Kulturzentrum wür-den die Gebäude gleichzeitig einer Verwendung zugeführt, die Arbeitsplätze schaffen und zur soziokulturellen und künstlerischen Entwicklung der ganzen Region beitragen würde. Das FEDER erklärt sich bereit, die Hälfte der Renovierungskosten zu übernehmen.
hatte die ganze Region, und besonders die Stadt Esch, Hochburg der luxemburgischen Stahlindustrie, sehr unter der Stahlkrise zu leiden. In den folgenden Jahren war die Stahlproduktion spektakulär gefallen, die meisten Hochöfen wurden geschlossen, die Belegschaft um 3/4 reduziert.
Eine vom luxemburgischen Staat, der Gemeinde Esch und der KULTURFABRIK unterzeichnete Konvention bestätigt das alte Escher Schlachthaus als Kulturzentrum, anerkennt die KULTURFABRIK asbl als unabhängigen Trägerverein und beschließt eine jährliche Beteiligung von Staat und Gemeinde an den Betriebskosten des Kulturzentrums.
Die mit Geldern der Europäischen Gemeinschaft, der luxemburgischen Regierung und der Gemeinde Esch finanzierten Renovierungsarbeiten beginnen. Sie wer-den im größtmöglichen Respekt der ursprünglichen Architektur und Ausstattung der Gebäude durchgeführt.
Nach seiner Wiedereröffnung bleibt die Kulturfabrik, unter der Leitung und Verantwortung der KULTURFABRIK asbl, ein regionales und unabhängiges Kulturzentrum, und wie bisher offen für sämtliche Ausdrucksformen zeitgenössischer Kunst.
Das neue Kulturzentrum legt besonderen Wert auf die Schöpfung und Produktion moderner und zeitgenössischer Kunst. Durch die regelmäßige Zusammenarbeit (Austausch und Coproduktionen) mit regionalen und europäischen Kulturträgern werden Aktualität, Qualität und Kontinuität der Programme gewährleistet.
Generell möchte die KULTURFABRIK mit ihrem Angebot zur kulturellen und künstlerischen Ent-wicklung der Region beitragen, und den Jugendlichen die Freude am künstlerischen Schaffen vermitteln.
Das Kulturzentrum sollte in erster Linie ein Ort der Toleranz und des sozialen Austauschs sein. Das kulturelle und soziale Angebot des Zentrums sollte den Besuchern den Zugang zum Anderssein und zur Verschiedenheit von Sprache, Nationalität und Kultur erleichtern; den Respekt und die Anerkennung des Anderen, des Besonderen, des Ungewohnten ermöglichen. In die-sem Sinne sollten sich im neuen alten Schlachthaus besonders jene Menschen wohlfühlen, die am Rande unserer Gesellschaft stehen; ihnen bietet die KULTUFABRIK eine dauernde Tribüne für ihre Anliegen.